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sexuellermissbrauch.com
Bernhard Sommergruber - Psychotherapeut - 7111 Parndorf - Wurmbrand-Stuppach-Siedlung 1
1010 Wien - Seitenstettengasse 5
Vortrag bei der Tagung
"Sexuelle Kindesmißhandlung und Wahrheit"
20./21. September 1999
im Adolf Czettel-Bildungszentrum der Arbeiterkammer Wien
VeranstalterInnen:
Arbeiterkammer Wien
die möwe Kinderschutzzentrum Wien
gefördert von:
Bundesministerium für Umwelt, Jugend u. Familie ("Plattform gegen die Gewalt in der Familie")
Die Publikation der ganzen Tagung können Sie kostenlos bestellen: Kammer für Arbeiter und Angestellte, Abteilung für Sozialwissenschaft, Prinz Eugen-Straße, A-1040 Wien, +43/1/501 65/26 85 oder 22 43
Als Psychotherapeut bleibe ich auch in diesem Vortrag bei meinem Fachgebiet und blicke so nicht auf die juristische Wahrheit. Diesbezüglich haben sich bereits viele Fachleute in den Ministerien sowie in einschlägigigen Betreuungseinrichtungen sehr verdient gemacht.
Gestatten Sie mir einen persönlichen Dank. Hier will ich einem Menschen danken, der meine Augen durch ein gemeinsames Arbeiten an einer sehr schwerwiegenden Geschichte bereichert hat. Dadurch haben sich meine Augen wieder weiter geöffnet. Und diese offenen Augen sind -auch- in der Arbeit mit Betroffenen von „Sexueller Mißhandlung" bedeutsam. Wenn wir von Wahrheit im Rahmen unseres komplexen Themas sprechen, zählt einmal das Wissen und die Erfahrung. Jedoch soll hier auch das Herz stehen. Sein Herz einsetzen, auch bei der Arbeit, bedeutet: Hinblicken - hinschauen - hinhören. In unserem Sinne bedeutet dies: Hinhören und hinschauen: Was könnte dem Kind in dieser Situation am ehesten gut tun? Was könnte das Kind entscheiden, wenn es frei entscheiden könnte?
Diese Verfeinerung meiner Sinnesorgane, im Sinne von: Herz auf, Hinhören und Hinschauen verdanke ich durch die gemeinsame Betreuung einer Geschichte einem lieben Menschen. Und diesem Menschen möchte ich ein herzvolles Dankeschön sagen und mir erlauben, ihm diese Gedanken in diesem Vortrag zu widmen.
Der Vortragstitel läßt offen, ob die Wahrheit wichtig oder unwichtig ist: „Die (Un-)Wichtigkeit der Wahrheit". Dazu kann man sagen: Ist der Sommergruber schon ganz verrückt geworden? So unklar darf man das doch nicht ausdrücken! Die Wahrheit, sprich: die sexuelle Mißhandlung, ist Wahrheit und damit grausam wichtig. Und da darf man nicht Wenn und Aber sprechen. Da muß Wahrheit Wahrheit bleiben. Die/der Betroffene muß doch von uns spüren, daß wir ihr/ihm glauben. Und wir können ihr/ihm nur glauben, wenn wir die Wahrheit für unumstößlich wichtig halten. Ich sage dazu einmal: Ja. Natürlich ist die Wahrheit wichtig! Und ich will Ihnen eine Geschichte erzählen.
Es war einmal eine große, große Wiese. Rund um diese Wiese waren viele, viele große Bäume. Mitten auf der Wiese lag ein noch nicht ganz großer Bär. Er war braun, hatte große Augen. Er schaute in den Himmel. Ein paar Wolken zogen am blauen Himmel langsam vorüber. Der Bär träumte. Er träumte von großen Honigtöpfen und von vielen Spielkameraden und er träumte er von einer besseren Welt. Als er so in den Himmel starrte, vibrierte der Boden. Beim ersten Vibrieren schaute der Bär nach links. Da er nichts wahrnahm, guckte er wieder in dem Himmel und träumte weiter. Und wieder spürte der Bär, daß der Boden vibrierte. Der Boden vibrierte so stark, daß seine Träume für einen kurzen Augenblick durcheinanderkamen. Der Bär schaute nach rechts, aber er sah wieder nichts. Der Bär wurde ein wenig ärgerlich. Immer wieder wurde er in seinem Träumen gestört. Er versuchte wieder die Honigtöpfe im Himmel zu bekommen. Als er gerade im Himmel einen besonders großen Honigtopf sah und gerade seine Pfote ausstrecken wollte, bebte der Boden wieder. Da sprang der Bär auf, schaute in alle Richtungen und er sah niemanden. Also schaute er ein zweites Mal. Wieder konnte er niemanden sehen. Nachdem bei diesem Beben der Erde nicht an ein Weiterträumen zu denken war, ging der Bär aus der Mitte der Wiese weg. Er ging zum Beginn des Waldes. Vorsichtig guckte er in den Wald. Wieder konnte er nichts sehen. So ging er zwei Schritte. Wieder war niemand auszumachen. Also ging er fünf Schritte weiter. Noch immer konnte er niemanden sehen. Er ging sieben Schritte weiter und wagte wieder einen Blick in den Wald. Weiterhin war niemand zu sehen. So wagte er zwölf Schritte zu gehen. Und noch immer war nichts besonderes zu sehen. Schön langsam, aber sicher ärgerte sich der Bär. Da machte er sich solche Mühe und trotzdem konnte er den Grund des Bebens der Erde nicht erkennen. Da er nicht gewohnt war aufzugeben, ging er nun hundert Schritte. Und wieder wagte er einen Blick in den Wald. Seine Mühe wurde belohnt. Hinter einem Baum stand ein noch nicht ganz großer Elephant. Der Bär wußte nicht so recht: Sollte er sich freuen. Oder sollte er sich fürchten. In der Bärenschule hatte er zwar gelernt, daß es Elephanten gab. Aber gesehen hatte er in seinem ganzen Bärenleben noch keinen. So blieb er stehen, begrüßte den Elephanten mit einem freundlichen „Brumm". Der Elephant trompetete ebenso ein freundliches „Guten Morgen!". Nicht nur der Bär, auch der Elephant war erleichtert, daß ein freundliches Wesen in der Nähe war. Der Bär bat den Elephanten auf die Wiese zu kommen. Sie könnten gemeinsam im Himmel nach Honigtöpfen Ausschau halten. Der Elephant schüttelte sein Haupt. Der Bär überlegte. Er glaubte sich noch zu erinnern, in der Schule gelernt zu haben, daß Elephanten keinen Honig essen. So machte der Bär den Vorschlag, sie könnten doch etwas anderes auf der Wiese spielen. Wieder schüttelte der noch nicht ganz große Elephant sein Haupt. Der Bär wurde ein wenig ärgerlich. Da bemühte er sich so um den Elephanten und dieser schüttelte bloß immer seinen Kopf. Da sah der Bär am Rücken des Elephanten ein kleines Pflaster. So fragte der noch nicht ganz große Bär, ob er sich weh getan habe und deswegen nicht spielen könne. Der Elephant schwieg. Der Bär ließ nicht locker. Immer wieder fragte er wegen der Wunde. Der Elephant blieb scheinbar unbewegt stehen. Und schwieg. Der Bär fragte nicht mehr weiter, sondern nahm sich von einem Baum ein Blatt. Aus diesem bastelte er sich ein Pflaster und klebte es sich ebenfalls auf den Rücken. Der Elephant schaute ihm scheinbar regungslos zu. Der noch nicht ganz große Bär zeigte sein fertiges Werk dem auch nicht ganz großen Elephanten. Der nickte mit dem Haupt, obwohl er lieber den Kopf geschüttelt hätte. Da der Elephant jedoch keine Anstalten machte mit dem Bär zu spielen oder geschweige zu reden, verabschiedete sich der Bär. Er verabschiedete sich freundlich, der Elephant merkte trotzdem, daß der noch nicht ganz große Bär verstimmt war. Die beiden trafen sich in den nächsten Tagen immer wieder. Und immer wieder lief die gleiche Prozedur ab. Der Bär wollte wissen, woher der Elephant die Wunde habe. Der Elephant schwieg. Am neunten Tag verabschiedete sich der Bär wieder. Der Elephant, der in der Zwischenzeit um neun Tage größer geworden war, seufzte. Da er nicht an einen Elephantengott glaubte, sprach er mit einem Blatt, das neben ihm von einem starken Ast hing. „Weißt Du liebes, Blatt. Jetzt ist dieser liebe Bär zehn Tage zu mir gekommen. Aber er hat immer nur auf das Pflaster geschaut. Er hat immer nur nach dem gefragt, was unter dem Pflaster sei. Ja, es stimmt, ich bin verwundet. Aber ich bin doch ein Elephant. Das Pflaster macht doch nur einen Bruchteil von meiner Haut aus. Ich habe kein Pflaster auf meinem Rüssel. Und ich habe kein Pflaster auf meinem Bauch. Und ich habe kein Pflaster auf meinen Füßen." Der noch nicht ganz große Elephant schaute das Blatt an und seufzte ganz leise. Und er dachte sich: „Jetzt weiß der noch nicht ganz große Bär vielleicht gar nicht, daß ich mich trotzdem gefreut habe, daß er immer wieder zu mir gekommen ist."
Ja, die Wahrheit ist wichtig. Aber ich muß mein Herz, meine Augen und meine Hände öffnen um der Wahrheit eventuell näher zu kommen.
Ich schildere Ihnen eine kurze Sequenz einer Kinder-Psychotherapie, die vor Jahren stattgefunden hat. Diese Psychotherapie war für mich persönlich ein Lehrstück. Das Kind hat mir viel beigebracht.
Ein sechsjähriger Bub aus multimorbid-sozialem Elternhaus wird in einem Heim untergebracht. Es besteht der starke Verdacht auch von sexueller Mißhandlung. Zu den Eltern gibt es keinen Kontakt. Der Bub soll angeblich einen IQ von 80 haben. Er hat ein reduziertes Sprachvermögen. Etc.etc. Das Kind wird zu mir in „Psychotherapie" geschickt. Die erste Stunde: Schweigen. Ich werde innerlich unruhig. Der Bub will mit mir auch nicht spielen. Er spielt sich teilweise und zögernd alleine. Die zweite Stunde verläuft ebenso. Die dritte Stunde verläuft ebenso. Ich verzweifle. Und spreche mit einer lieben Kollegin. Wir beschließen, daß die nächsten beiden Stunden diese Kollegin und ich gemeinsam gestalten werden. Die erste gemeinsame Stunde: Ich gehe viel ruhiger in die Stunde, weil ich nicht die ganze Verantwortung habe. Der Bub schweigt weiter. Die Kollegin und ich versuchen mit Puppenspiel ihn anzusprechen - wie ich es auch schon alleine versucht hatte. Meine Kollegin und ich haben viel Freude an der Sache. Und der Bub schweigt und spielt mit sich selbst. Aber: Er beobachtet uns aus verstohlenem Augenwinkel sehr genau. Die zweite gemeinsame Stunde: Alles verläuft wie gehabt. Danach: Meine Kollegin erklärt mir, daß sie dieses Schweigen nicht aushalten könne. Ich entgegne ihr, daß mir dieses Schweigen nichts ausmachen würde. Durch die bloße Anwesenheit meiner Kollegin, konnte ich mich von meinem Streben „etwas weiterzubringen" befreien. Ich erkläre meiner Kollegin, daß mir die nicht direkte Kommunikation des Buben nun keine großen Schwierigkeiten mehr bereite. Ich könne ab sofort wieder alleine mit dem Buben arbeiten. Die Kollegin war darüber sehr befreit. Und ich konnte durch meine Befreiung wieder eine Zeit lang in Ruhe mit dem Buben arbeiten. Was heißt hier in Ruhe? Ich forderte von dem Buben wesentlich weniger als zu Beginn. Ich forderte kein Spiel. Ich sprach immer weniger mit ihm. Und wenn ich sprach, dann hatte das nichts mit seinem Nicht-Sprechen zu tun. Und es hatte nicht mit der vermuteten sexuellen Mißhandlung zu tun. Und es hatte nichts mit meiner Frage zu tun, was er und ich hier überhaupt machten. Ich versuchte den Buben anzuschauen und ihn in seinem Schweigen immer mehr wahrzunehmen. Und so konnte ich mich zwar nicht immer, aber immer öfter auf seine „Wellenlänge des Ausdruckes" einstellen. So entkrampfte ich mich. So entkrampfte er sich sehr langsam aber sehr stet. Im Zeitraffer weitergeschildert: Er kommunizierte im Spiel immer intensiver. Er begann auch verbal zu kommunizieren. Und nach 3 Jahren schilderte er den erlebten sexuellen Mißbrauch.
Ja, natürlich ist die Wahrheit für die/den Betroffene/n wichtig. Eine Jugendliche, die in ihrer Kindheit sexuell mißhandelt wurde, traf folgende Stellungnahme: „Gott sei Dank, sehen Sie nicht nur meine Scheide!" Sie drückte damit ihre Erleichterung aus, daß ich ihr sexuell Erlittenes und ihr heutiges dadurch Leiden wahrnahm, jedoch dieses Sexuelle nicht ins alleinige Zentrum ihrer Person betrachtete. Denn: Das „sexuelle Leiden" ist das sekundäre Leiden. Im Zentrum des Leidens steht der Übergriff auf die Integrität der Person. Also: Die Person hat „verschiedenen Wahrheiten". Anders ausgedrückt: Die Wahrheit besteht nicht nur aus der „Sexuellen Mißhandlung". Eine reduktionistisch geführte Psychotherapie würde die/den Betroffene/n in der Hauptsache als Opfer sehen und entweder diese Person dadurch bestärken, sich auch im weiteren Leben als Opfer zu sehen und damit weiterhin als Opfer aufzutreten oder die Betroffene würde dazu veführt, nicht den eigenen Freiheitskampf zu führen, sondern einen sehr allgemein gehaltenen. Den Unterschied spüren wir immer wieder: Es gibt Menschen, die für eine Sache kämpfen und dieser Kampf kommt bei uns als authentischer Kampf an. Und es gibt Menschen, deren Kampf nur als Kampf zu uns herüberkommt, wo wir nicht das „Herz in der Sache" spüren.
Nur kurze Anmerkung (da hier nicht das Thema): Ist das Kind „massiv bedroht", muß das Kind über Jugendamt/Gericht in eine (vorübergehend) sichere Umwelt gebracht werden.
8.1. Weiß ich definitiv, daß ein Kind von sexueller Mißhandlung betroffen war oder ist, so werde ich - je nach Entwicklungszustand des Kindes - diese Tat natürlich auch dem Kind gegenüber ansprechen. Und sollte das Kind nicht darüber reden können, werde ich in spielerischer Form dem Kind zu begegnen versuchen. Ich versuche das Kind dort abzuholen, wo es ist. Und je nach individueller Situation werde ich dem Kind immer wieder deutlich anbieten, auch über die sexuelle Mißhandlung zu sprechen - jedoch darf dies niemals eine erneute psychische Vergewaltigung sein!
8.2. Besteht der Verdacht auf Sexuelle Kindesmißhandlung, so werde ich dem Kind erklären, warum es zu mir kommt. Ich werde niemals Detektiv sein und mich auch niemals durch eine Person oder Institution beauftragen lassen: „Finden Sie heraus, ob das Kind sexuell mißbraucht worden ist!" Sondern: Ich werde versuchen, das Kind in seiner Persönlichkeit wahrzunehmen, ihm zu begegnen. Und so besteht die Möglichkeit, daß sich das Kind - in welcher Form auch immer - öffnet. Und dann spielt es kaum eine Rolle, ob das Kind physisch, psychisch oder sexuell mißhandelt worden ist. Eine Wahrheit des Kindes wird sich öffnen.
8.3. Zum Ende möchte ich nochmals betonen, daß mir am Herzen liegt, uns immer wieder bewußt zu machen, was in unserem Herzen sowieso ist: Egal ob Kinder oder Erwachsene von Sexueller Mißhandlung - oder was auch immer - betroffen sind: Wir dürfen nicht dem Reduktionismus in unserer Zeit freies Spiel lassen. Sonst reduzieren wir unsere KlientInnen auf das Delikt, auf das Opfersein, auf die Passivität - oder auch auf die Aggressivität. Das Motto des Elephanten lautet: Ich habe eine Wunde. Aber ich bin nicht die Wunde.
Beenden will ich mit Antoine de Saint-Exupery und dem Kleinen Prinzen: „Wenn du einen Freund willst, so zähme mich!" „Was muß ich da tun?" sagte der kleine Prinz. „ Du mußt sehr geduldig sein", antwortete der Fuchs. „Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich verstohlen, so aus dem Augenwinkel anschauen, und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist eine Quelle von Mißverständnissen. Aber jeden Tag wirst du dich ein bißchen näher setzen können."