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sexuellermissbrauch.com
Bernhard Sommergruber - Psychotherapeut - 7111 Parndorf - Wurmbrand-Stuppach-Siedlung 1
1010 Wien - Seitenstettengasse 5
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In einem Fachgremium wurde der Titel für eine Zeitschrift ausgegeben: Was kostet die Gewalt? Viele Fachleute meldeten sich zu Wort: Dieses Thema fänden sie gut, da und dort gäbe es bereits Artikel dazu, da und dort gäbe es doch schon Berechnungen – was das alles kostet – ein Wahnsinn. Ich interpretierte bei jener Sitzung das Gehörte: So kann man den Männern (und Frauen), die nur die Geldsprache verstünden, vorrechnen und beweisen: Schaut her, so viel kostet es, wenn Ihr einem Menschen Gewalt antut.
Obwohl ich dies verstand, regte sich Unwohlsein. Ich stellte mir vor, wie könnte es Betroffenen gehen, daß ihr Leiden hochgerechnet wird. Natürlich (?) ist es nicht nur ein Zahlenspiel, wenn dann bei einem "Fall" herauskommt: € 94.476,74. (Kriminalpolizei, Sozialarbeit, Gericht, Psychotherapie etc.). Wir leben ja in einer Welt voller Wirtschaft. Also ist auch jeder einzelne Mensch ein Wirtschaftsfaktor. Jede einzelne Handlung oder eine Handlung, die ich nicht setze, ist ein Wirtschaftsfaktor. Kaufe ich ein Produkt, es ist ein Wirtschaftsfaktor. Kaufe ich ein Produkt nicht, es ist ein Wirtschaftsfaktor. Schlage ich meine Frau, ist es ebenso ein Wirtschaftsfaktor. Denn sie muß sich eine Salbe kaufen. Ein noch größerer Wirtschaftsfaktor wird die Mißhandlung, wenn sie zur Polizei geht, die Tat bei Gericht abgehandelt wird, sie schließlich Psychotherapie in Anspruch nimmt.
Selbstverständlich.
Also denken wir sehr wirtschaftlich. Auch bei dieser Thematik. Der Lehrsatz lautet dann in der Folge: Tu möglichst keinem Menschen weh, weil das kostet der Volkswirtschaft zu viel Geld.
Verzeihen Sie, mir wird bei diesem Gedankengang übel.
Ich halte es für "legitim", wenn Fachleute, die sich für Betroffene einsetzen, anderen Menschen klar zu machen versuchen, daß sie möglichst keine Gewalt anwenden sollen. Es wird ein Mensch, eine Gesellschaft, ein Land, eine Regierung, behaupte ich, dies nicht deswegen verstehen, weil ich auf der wirtschaftlichen Ebene begründe.
Wer die Haltung nicht versteht, daß man Gewalt möglichst vermeiden soll, wird dies nicht plötzlich verstehen, weil ich vorrechne, daß "ein Fall" so und so viel Euro kostet, alle Gewaltfälle Österreichs so und so viel Euro.
Schon wieder wird ein mißbrauchter oder mißhandelter Mensch, auf alle Fälle: ein Mensch, reduziert auf Zahlen, er wird als Faktor betrachtet, als Wirtschaftsfaktor und auf diesen reduziert. Von dem Menschen, der ihr/m was angetan hat, wurde sie/er auch (teilweise) reduziert auf ein Stück....
Eine Ohrfeige kostet nicht € 1,45, vier Mal schlagen kostet nicht € 2.002,37, fünfzig Mal Erniedrigung durch Schläge und Worte oder zwei Mal sexueller Mißbrauch kosten nicht € 94.476,74.
Welche Form von Gewalt auch immer - dies alles kostet etwas an Menschlichkeit, Wärme und läßt den Menschen Sehnsüchte schwerer gebären.
Was ist es für ein Ausdruck, daß sich Menschen, die mit Betroffenen arbeiten, dieses Thema präsentieren? Möglichkeiten, die mir spontan in den Sinn kommen und die keine Unterstellungen sein sollen:
Suche nach einer Sprache, die von der Politik dieser Jahrzehnte verstanden wird, nämlich der Finanzsprache
Suche nach Argumentationen, daß Arbeit wider die Gewalt Arbeitskraft und somit Geld benötigt
Mit der Zeit selbst das Gefühl bekommen haben, mit Zahlen leichter reden zu können als mit Menschen
Hilflosigkeit
Burn(t) Out-Syndrom
In den letzten Tagen befragte ich ein paar KlientInnen, die wegen sexueller Gewalt in Psychotherapie sind:
Was sagen Sie zum Thema: "Was kostet die Gewalt?"
Dieses Thema soll in einer Fachzeitschrift behandelt werden. Finden Sie dieses Thema wichtig?
Meine KlientInnen interessierte das Thema herzlich wenig: "Man kann aus allem ein Thema machen." – "Geld regiert die Welt." – "Natürlich kosten auch wir Geld. Ist schon toll, daß auch wir Geld kosten. Aber nützt das mir?" - "Schon wieder werden wir versachlicht."
© B. Sommergruber
Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift "Plattform gegen die Gewalt in der Familie", 3/2001